Die meisten Menschen haben das Bedürfnis nach Nähe und Intimität. Wenn man an Demenz Erkrankte so akzeptiert wie sie sind, kann man ihnen sehr nahe kommen. Will man sie jedoch verändern, sie zurückholen in die Wirklichkeit, dann verliert man den mentalen Kontakt. Sie fühlen sich unverstanden und entwürdigt.
Unsere Hausgäste haben genauso viele und genauso differenzierte Gefühle wie jeder andere auch, und sie wollen diese gerne äußern und sich mitteilen. Es ist also an uns als Betreuenden, sie zu verstehen und zu respektieren.
Das heißt: Folgen in die innere Welt des an Demenz Erkrankten, die Krankheit als eine veränderte Form von Wahrnehmung akzeptieren und bestätigen. Es gibt vier Leitbegriffe für den betreuenden Umgang mit verwirrten alten Menschen:
AKZEPTANZ - wertschätzen statt widersprechen
AUTHENTIZITÄT - echt in seinen Gefühlen bleiben
KONGRUENZ - begleitend und mit einfühlendem Verstehen
zur Seite stehen
EMPATHIE - mitfühlen und mitschwingen
Diese Grundhaltungen sind unentbehrlich, ebenso wie das Wissen um die Grundbedürfnisse. Bedürfnisse, die eigentlich jeder für sich in Anspruch nimmt: Anerkennung und Zugehörigkeit, Sicherheit und Würde, das Recht, seine Gefühle äußern zu können und nicht alles wortlos über sich ergehen zu lassen.
Also nicht: Setzen Sie sich bitte hin und beginnen Sie mit dem Essen.“ Besser ist es, daraus zwei Sätze zu machen. Oftmals ist es hilfreich, auf Redewendungen oder Sprichwörter zurückzugreifen.
An Demenz Erkrankte leben fast ausschließlich in der Gegenwart. Die Zukunft hat für sie keinerlei Bedeutung. Ein Streitgespräch zum Beispiel hätte fatale Folgen. Zum einen, weil der Grund des Streitens schnell in Vergessenheit gerät, das damit verbundene Gefühl aber bestehen bleibt. Zum anderen, weil ein Streit besonders bedrohlich wirkt, weil der Kontext fehlt. Der Betroffene kann nicht auf die Information zurückgreifen, dass der Streit auch wieder vorbei geht und verharrt womöglich in einer aggressiven Grundhaltung.
Auch veränderte Kommunikationsformen sind notwendig. Bei der Veränderung durch die Demenz kommt es zu erheblichen Beeinträchtigungen des abstrahierenden Denkvermögens, oft noch verschlimmert durch Alters-taubheit. Um ein Verstehen dennoch möglich zu machen, sollte jeder Satz nur eine Information enthalten, und dabei sollte die gewählte Sprache kurz und prägnant sein.
Kein Mensch macht gerne Dinge falsch. Wenn Betreuende die Geduld verlieren, da Reaktionen länger dauern oder unverständlich sind, hat der Demenzerkrankte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Dieses Gefühl verstärkt dann Unzufriedenheit, Unwohlsein und Trauer. Geduldiger Umgang und respektvolle Zuwendung hingegen schaffen Vertrauen.
Wir halten uns im Umgang mit an Demenz Erkrankten immer wieder vor Augen, dass die Betroffenen aufgrund ihrer Gedächtnisstörungen nur sehr eingeschränkt lernfähig sind, und wirklich zuverlässige Vereinbarungen oft nicht getroffen werden können. Dennoch ist durch Wiederholung eine Konditionierung möglich. Führt man einen Betroffenen immer wieder an einen Platz am Tisch, so ist es durchaus möglich, dass er sich diese Stelle in Zukunft selbst aussucht.
Je nach Stadium der Krankheit ist der Sachinhalt einer Aussage oft nicht relevant. Das Gefühl, das hinter der verwirrten Äußerung liegt, steht im Vordergrund. Ziel der Validation ist es, das Gefühl, welches hinter einer Aussage steht zu erspüren und zu spiegeln“. Dabei können auch passende Redewendungen/Floskeln angewendet werden bis hin zu ritualisierten Dialogen. Dazu ein Beispiel:
Aussage des Hausgastes:
"Meine Kinder warten auf mich. Ich muss jetzt gehen."
Gefühl: Sorge, Angst um die Kinder, Verzweiflung, Unruhe.
Spiegeln des Gefühls: Wenn die Kinder allein zu Hause waren, machte man sich große Sorgen. Da wurde man schon unruhig. Die Kinder wollten ja auch etwas zu Essen haben.
Antwort des Betreuers:
"Einmal Mutter, immer Mutter.
Als Mutter kann man eben nicht aus seiner Haut."
Schmerzliche Gefühle, die ausgedrückt, anerkannt und von einer vertrauten Pflegeperson aufgenommen werden, werden schwächer. Schmerzliche Gefühle, die man ignoriert und unterdrückt, werden immer stärker. Einfühlung und Mitgefühl führt zu Vertrauen, verringert Angstzustände und stellt die Würde wieder her.
Wenn der Prozess der Demenz weiter fortschreitet, stehen dem Kranken keine Worte mehr zur Verfügung.
Er braucht andere, die seine Worte für ihn aussprechen.
Wen die Sprache verlässt, der kann oftmals nur noch über die übrigen Sinne angesprochen werden. Über die basale Stimulation hinaus übernimmt unsere Aktivierung viele Aspekte einer intensiven Betreuung. So werden in den Aktivierungsangeboten bewusst ausbalancierte Sinnesreizungen geschaffen, in dem Bewusstsein, dass eine Überlagerung verschiedener Eindrücke bedrohlich wirken kann. Die verschiedenen Ursachen der Reize können vom an Demenz Erkrankten oft nicht unterschieden werden. Die Aktivierung bedarf einer guten Vorbereitung und unterliegt einem immer wiederkehrenden Rhythmus, der den Zyklen der Jahreszeit angepasst wird.
Jeder Teilnehmer wird immer wieder persönlich mit seinem Namen angesprochen, weil der an Demenz Erkrankte sich oft nur darüber identifizieren kann. Damit wird ihm auch das Gefühl vermittelt, in der Gruppe wichtig zu sein.
Jeder Mensch möchte eine sinnvolle Beschäftigung haben, so auch ein an Demenz Erkrankter. Bei leichter bis mittelschwerer Ausprägung erweisen sich körperliche und geistige Aktivierungen als hilfreich.
Aus diesem Grund ist es wichtig, Gespräche oder Beschäftigungen zu finden, die aus dem Erlebten, dem Langzeitgedächtnis und aus der Biographie hervorgehen.
Es kann um Handwerkliches oder Hauswirtschaftliches gehen, Kegeln oder ein Mensch-ärgere-dich-nicht oder eine kurze Geschichte sein.
Obstschälen, Wäschefalten, Gymnastik, Spaziergang oder Ratespiele sind nur einige Möglichkeiten, eine Aktivierungsstunde zu gestalten. Das Aktivierungsthema wird etwa viertelstündlich gewechselt, da sonst die Aufmerksamkeit nachlässt. Hier gilt es, wertschätzend mit den Hausgästen umzugehen und sie nicht zu überfordern. Der Fall, dass die an Demenz Erkrankten mit ihren Defiziten konfrontiert werden und sich dadurch als Versager fühlen, würde zu einer Verschlechterung ihrer persönlichen Gesamtsituation führen.
Zu jedem Lebensabschnitt eines Menschen gehören bestimmte Aufgaben. Wenn man diese Aufgaben nicht im jeweiligen Lebensabschnitt abschließt, kann das zu auffälligen Verhaltensroutinen führen. Wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, versuchen ältere Erwachsene, ihr Leben wieder in ein Gleichgewicht zu bringen, indem sie auf frühere Erinnerungen zurückgreifen. Wenn die Sehstärke nachlässt, sehen sie mit dem inneren Auge. Wenn ihr Gehör immer mehr nachlässt, hören sie Klänge aus der Vergangenheit.
Unsere Aufgabe ist es, ein angenehmes Umfeld zu schaffen, in dem sich unsere Hausgäste ihre Selbständigkeit und ihre ureigene Individualität so lange wie möglich bewahren können und sich als Menschen angenommen fühlen.